Veranstaltungsankündigung: Die Agenda der “Israelkritiker” (Vortrag in Berlin)
Bevor im neuen Jahr der Terminkalender schneller voll ist, als es einem lieb ist, an dieser Stelle schon mal eine Veranstaltungsankündigung für den Januar:
Vortrag von Alex Feuerherdt
Donnerstag, 28. Januar 2010, 19.00 Uhr
Jüdisches Gemeindehaus, Kleiner Saal, Fasanenstraße 79-80, 10623 Berlin
Im Auftrag der Uno erarbeitet und veröffentlicht eine Untersuchungskommission unter dem Vorsitz des Juristen Richard Goldstone einen Bericht, der eine fast 600 Seiten dicke, vehemente Anklageschrift gegen Israel ist und die terroristische Hamas im Wortsinn aus der Schusslinie nimmt. Die populäre Menschenrechtsorganisation Amnesty International bezichtigt den jüdischen Staat in einer umfangreichen Broschüre wahrheitswidrig, den Palästinensern das Wasser zu stehlen und sie dadurch an den Rand des Verdurstens zu bringen. Nahezu alle westlichen Politiker betrachten nicht die Hamas und die Fatah, sondern die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten als „Haupthindernis für den Frieden im Nahen Osten“ und sind hellauf empört, wenn ihnen die Frage gestellt wird, warum Juden in einem prospektiven palästinensischen Staat eigentlich nicht leben dürfen sollen.
Wie kommt es, dass Israel immer wieder dämonisiert und ihm de facto das Recht abgesprochen wird, sich gegen seine Feinde zur Wehr zu setzen? Warum wird diesen Feinden so viel Verständnis gezollt oder gar Sympathie entgegen gebracht? Weshalb ist die so genannte Israelkritik vor allem hierzulande so ungeheuer beliebt, was treibt sie an, und wie erklärt es sich, dass insbesondere jüdische „Israelkritiker“ wie Avraham Burg eine so überaus breite Resonanz erfahren?
Alex Feuerherdt ist freier Autor und lebt in Bonn. Er schreibt regelmäßig für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften zum Thema Nahost, unter anderem für die Jüdische Allgemeine, Konkret, den Tagesspiegel und die Jungle World.
Moderation: Jörg Rensmann, Mideast Freedom Forum Berlin
Eine Veranstaltung der Jüdischen Volkshochschule Berlin in Kooperation mit dem Mideast Freedom Forum Berlin
Dienstag, 29. Dezember, 2009 um 0:09
vielleicht zur Beantwortung der Fragen mal bei Kester Brewin nachfragen? Der Name Avraham Burg ist ihm jedenfalls auch positiver Erwähnung wert, und ja, Jesus war ein Pali…
Ansonsten fällt mir nur noch die Stelle mit Sacharja 12,2 ein.
Dienstag, 29. Dezember, 2009 um 9:13
Für die Beantwortung der Fragen verlasse ich mich auf Alex Feuerherdt. Kester Brewin scheint in diesen Fragen kein guter Ratgeber zu sein.
“Jesus war ein Pali” - was folgt daraus für Dich?
Und was folgt für Dich aus Sacharja 12,2? Ich habe es nachgelesen, verstehe nur nicht, was das mit der antiisraelischen Politik und Praxis heute zu tun haben soll.
Dienstag, 29. Dezember, 2009 um 21:01
“Jesus war ein Pali” - Das hätten die “Deutschen Christen” 1943 nicht besser formulieren können…
Mittwoch, 30. Dezember, 2009 um 9:55
“Kester Brewin scheint in diesen Fragen kein guter Ratgeber zu sein”
Das ist ja gerade das Dilemma, “in diesen Fragen” steht da, in anderen Fragen sieht es aber evtl. anders aus, und wer will bestimmen, wessen Meinung in welchen Fragen “richtig” ist, wo es doch quasi ein Dogma ist, das es das Richtige gar nicht gibt und jede “Wahrheit” immer subjektive Vorannahmen mit sich trägt. Sind die Vorannahmen anders, ergibt sich auch eine andere “Wahrheit”.
Aber ist es nicht inkonsequent zu sagen, jemandes Meinung sei kein guter Ratgeber, wenn auf der anderen Seite das Vorhandensein von allgemeingültigen Wahrheiten geleugnet wird (was ziemlich konsensfähig in PoMo-Zirkeln ist)?
Welcher Maßstab ist denn anzuwenden, wenn ein Urteil zu einer Meinung möglich sein soll?
Was die Bibelstelle angeht, sollte sie in diesem Zusammenhang nur verdeutlichen, wie beschränkt die rein politische Betrachtung des Problems ist, wenn man die religiös motivierten gegenseitigen Ansprüche auf das gesamte Land nicht berücksichtigt, und akzeptiert, dass für nichtwestliche Menschen religiöse Verpflichtungen und Überzeugungen oftmals bindender sind als rational-pragmatische Überlegungen. Dies zu ignorieren ist gefährlich.
“Für die Beantwortung der Fragen verlasse ich mich auf Alex Feuerherdt.”
Ich für meinen Teil verlasse mich zur Beantwortung relevanter Fragen auf keinen sterblichen und fehlbaren Menschen.
Mittwoch, 30. Dezember, 2009 um 10:55
Wenn Du Dich zur Beantwortung relevanter Fragen nicht auf Menschen verlässt, warum empfiehlst Du mir dann vorher die Lektüre von Brewin?
Ich leugne keineswegs das Vorhandensein von allgemeingültigen Wahrheiten. Ein Beispiel: Die palästinensische Praxis, Schwule in Salzsäure zu baden ist eindeutig barbarisch und abzulehnen. Die Praxis des israelischen Innenministeriums, schwulen Palästinensern, die nach Israel geflohen sind, Asyl zu gewähren und damit ihr Leben zu retten, ist eindeutig menschenfreundlich und zu begrüßen.
Gefährlich zu ignorieren ist der Vernichtungswille von palästinensischer Seite gegenüber Israel und den Juden.
Falls Du in Berlin bist, hör Dir doch die Argumente von Alex einfach mal an. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und hat viele Fakten zu berichten, die die üblicherweise geglaubten Wahrheiten über den Nahen Osten zurecht rücken können - wenn man sich darauf einlässt, sein bisheriges Weltbild in Frage stellen zu lassen.
Mittwoch, 30. Dezember, 2009 um 14:33
“Wenn Du Dich zur Beantwortung relevanter Fragen nicht auf Menschen verlässt, warum empfiehlst Du mir dann vorher die Lektüre von Brewin?”
Einfach nur, um auf das geschilderte Dilemma hinzuweisen. Das geschilderte Beispiel zeigt es doch ganz deutlich: Nach welchem Maßstab ist das israelische Verhalten Schwulen gegenüber das Richtigere? Ist es möglich dass andere aus anderem kulturellem Background einen anderen Maßstab haben aus dem anderes Verhalten folgt, und gibt es einen allgemeingültigen Maßstab, dem alle folgen sollten?
Wo kann so ein allgemeingültiger Maßstab herkommen?
Ist der Wahrheitsrelativismus der im PoMo-Denken weit verbreitet ist ein Vorzug oder eher ein Problem der neuen Ära?
Das hier mehr Frage- als Ausrufezeichen stehen ist beabsichtigt, ich möchte keine vorgeformten Gedanken aufoktroyieren, aber vielleicht können das Gedankenanstösse sein.
Danke übrigens für das Angebot, aber ich bin nicht in Berlin und kann auch nicht hinkommen.
Mittwoch, 30. Dezember, 2009 um 16:00
Whow, Du bist der erste im kirchlichen Kontext, der tatsächlich fragt, ob Schwule ermorden oder vor Verfolgung schützen nicht beides gleich richtig sein kann. Bisher habe ich auf meinen Anti-PoMo-Einwand von der Universalität der Menschenrechte im Kirche 21-Kontext immer zur Antwort bekommen, an diesem Punkt gebe es durchaus Wahrheiten.
Ich leite den Maßstab aus meinem Eigeninteresse ab, nicht ermordet zu werden, sondern mit meinem Wunsch, zu leben, respektiert zu werden incl. dem Schutz vor Menschen, die mich ermorden wollen. Dieses Eigeninteresse würde ich auch anderen zubilligen. Und das steht für mich über anderen Interessen, z.B. dem nach der Ermordung von Menschen, die anders denken oder sind als ich.
Insoweit kann der postmoderne Wahrheitsrelativismus ein Problem sein, muss es aber nicht.
Mittwoch, 30. Dezember, 2009 um 22:36
Hier liegt ein Missverständnis vor: Ich komme nicht aus einem anderen Kulturkreis also frage nicht ich.
Ich stelle mir nur vor, wie es Leuten geht, die tatsächlich aus einer anderen Kultur kommen (hier: Islam) und sich konform zu Ihrer Kultur verhalten (so wie ich mich letztendlich auch konform zu einer Kultur verhalte).
Der hier im Westen als Reformpolitiker verehrte frühere iranische Staatspräsident Chatami hat bei einer Gastvorlesung in Harvard sinngemäss ausgeführt, dass Homosexualität für ihn ein Verbrechen ist, und das Verhängen der Todesstrafe durchaus diskussionsfähig sei. Natürlich finde ich diese Ansicht schlimm, aber er steht damit voll im Einklang mit seiner Kultur, seiner Biographie, seiner Religion usw.
Das wirklich Interessante war aber, dass niemand im westlich-aufgeklärten Publikum protestierte! Das wäre mal ein Vergleich zu Marburg oder Bremen.
Das Eigeninteresse kann ein Maßstab sein für jeden individuell, im persönlichen Umfeld, aber kein Maßstab der allgemeingültig für alle bzw. im sozialen Miteinander sein kann. Mein Eigeninteresse kann im Widerspruch zum Eigeninteresse eines anderen stehen. Wer ist dann der Richter zwischen mir und meinem Nächsten?
Donnerstag, 31. Dezember, 2009 um 0:11
Was ist denn mit Leuten, die aus einer anderen Kultur kommen und sich nicht konform verhalten? Haben die nicht unsere Solidarität verdient, ob Christen, Schwule, Frauen…
Chatami hat kein Recht, für andere Leute die Todesstrafe zu verhängen. Wenn er sich umbringen will, weil er schwul ist, soll er das tun. Andere soll er einfach zufrieden lassen.
Mein Eigeninteresse, nicht umgebracht zu werden, macht nur Sinn in Bezug auf andere bzw. im sozialen Miteinander! Als Grundregel würde ich formulieren: Jeder darf tun, was er will, solange er nicht einen anderen damit tangiert. Wenn doch, muss ein Kompromiss her. Wenn der nicht funktioniert, braucht es einen Richter. Wen schlägst Du vor dafür?
Montag, 4. Januar, 2010 um 6:44
ein wenig geht die Diskussion von der ursprünglichen Fragsstellung weg, ohne dass diese zuvor geklärt wurde.
Wenn ich ohne Bevormundung anderer oder Abwertung derer anders gearteter Kultur von einem “richtig” oder “falsch” sprechen will, muss ich davon überzeugt sein, dass es ein solches allgemein zugängliches Kriterium gibt.
Konzepte für so etwas könnten sein:
die allgemeine Erklärung der Menschenrechte (wegen der darin erklärten Universalität ihrer Geltung)
die insbesondere in den monotheistischen Religionen definierten Richtlinien bzgl. des Menschen (wegen ihres Rückgriffs auf den “Konstrukteur” des Menschen und dessen “Konstruktionsdesigns”)
Wenn hingegen kein allgemein gültiges Richtig und Falsch existiert (oder dieses aber verborgen ist) kann man konsequenterweise gar nicht in Bewertungen sprechen.
Nun kommt aber erst der eigentliche Knackpunkt: Ich nehme jetzt mal die christliche Sichtweise von Menschen, ihren Beziehungen zueinander und zu Gott heraus, und gehe speziell auf den Gesichtspunkt der Schwachen, Armen und Unterdrückten ein.
Je nachdem auf welcher Ebene ich den angesprochenen Nahostkonflikt betrachte, kann ich hier zu unterschiedlichen Beurteilungen kommen, denn:
Auf der Ebene zweier im Konflikt befindlichen Völker sind die Palästinenser diejenigen, die schwach sind und der Willkür der Staaten um sie herum ausgesetzt sind (nicht nur bzgl. Israel sondern auch z.B. bzgl. Ägypten oder Libanon).
Auf der Ebene der palästinensischen Gesellschaft in der Innenansicht ist natürlich die Haltung einer Mehrheit (oder einfacher der Herrschenden) gegenüber Minderheiten so zu sehen, dass hier diese Minderheiten die Schwachen, Entrechteten und Unterdrückten darstellen. Hier ist allerdings die internationale Ebene (also z.B. Israel) nur indirekt involviert als Zufluchtsort.
Von daher finde ich (dass ist jetzt eine persönliche Stellungnahme) es durchaus gerechtfertigt, Bewertungen in beide Richtungen zu üben, gegenüber Israel z.B. wegen der Art und Weise der Blockade wie auch gegenüber den Palästinensern aufgrund derer inakzeptablen Behandlung diverser Minderheiten.
Auf dem internationalen Parkett gibt es leider die Tendenz dass die verschiedenen Camps in ihrer (öffentlich sichtbaren) Haltung zu diesem Konflikt immer auf einem Auge sehgestört oder blind sind (von wenigen Ausnahmen abgesehen).
Daher das Wort mit dem “Taumelbecher für alle Nationen”, es scheint fast unmöglich zu sein einen verständigen Blick zu behalten.
Wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass es ein allgemein verständliches “Gewissen” gibt, von dem jeder Mensch eine wie auch immer geartete Ahnung hat oder haben sollte, woher nehme ich dann überhaupt die Berechtigung zu jemand zu sagen “Was Du machst ist falsch, unmenschlich, ein Gräuel”?
Das Dilemma kann man sehr gut an der Person Jean-Paul Sartres nachvollziehen, dessen existentialistische Theorien in Konflikt zu seinen (notwendigerweise) sehr wohl in moralischen Kriterien urteilenden Stellungnahmen zu politischen Ereignissen standen. Allerdings war er nicht konsequent genug, daraufhin seine Theorien grundlegender zu kritisieren.
Montag, 4. Januar, 2010 um 10:26
Was war denn die ursprüngliche Diskussion? Ich sehe gar nicht, dass wir davon weggekommen wären. Für mich war das wesentliche Argument mein Eigeninteresse. Ein Maßstab, den ich auch jedem anderen zubillige, siehe oben. Insoweit ist es m. E. richtig, wenn jeder tun kann, was er will, ohne jemand anderem damit zu schaden. Falsch ist, etwas zu tun, das anderen schadet.
Deine Ausführungen finde ich hilfreich, um Deine Position zu verstehen und im Großen und Ganzen auch nachvollziehbar. Mit zwei Unterschieden: Ich sehe keine Willkür des israelischen Staates gegenüber den Palästinensern. Eben darum, also die Zurückweisung dieses Vorwurfs, geht es ja in der angekündigten Veranstaltung.
Was die palästinensische Gesellschaft angeht, gehe ich davon aus, dass sogar die Mehrheit von den dort Herrschenden zumindest funktionalisiert und um ein gutes Leben gebracht wird - alles im Interesse des Ressentiments gegen Israel, dem sogar die Lebensqualität des eigenen Volkes untergeordnet wird.
Insoweit widerspricht eine Solidarität mit Israel, wenn sie politisch und nicht religiös begründet wird, keineswegs einer Solidarität mit den Palästinensern. Letztere kann allerdings nur eine gegen deren Führung sein.